Kategorie: Romane

Die „Geschäftsleute“ Krzysztof Krupniak und Radoslaw Kleinert treffen sich nach Jahren wieder in Schlesien, in dem Ort, aus dem sie beide stammen, an einer Tankstelle.

 

Krzysztof Krupniak fuhr gerne zum Tanken. Es gab ihm jedes Mal ein gutes Gefühl. Hier war er aufgewachsen, man kannte ihn. Oft traf er einen Freund oder Bekannten, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er war vorher noch zum Barbier gegangen, hatte sich seinen Bart stutzen und sein Haupthaar hochrasieren lassen. Eine Duftwolke umhüllte seine teigige Gestalt, als er sich auf das Kabuff zuwälzte, um seine Tankfüllung zu bezahlen. Wenn er seine Mutter besuchte, tankte er immer hier bei Radoslaw Kleinert mitten im Ort. Kleinert schraubte meistens an irgendeinem Gebrauchtwagen herum, kam aber immer auf ein Schwätzchen aus der Werkstatt, wenn er mitbekam, dass Krupniak da war und bei seiner Frau in der Baracke zahlte. Kleinert war klein und drahtig, etwa vierzig Jahre alt. Jahrein jahraus trug er denselben Overall, dessen Farbe nicht wiedergegeben werden kann, da der Arbeitsanzug aus einem einzigen Schmierölflecken bestand, der nur hie und da Reste des eigentlichen Gewebes durchscheinen und eine Farbe erahnen ließ, die vielleicht einmal Dunkelblau hätte sein können. Die Farbe seiner Hände stand im Einklang mit seinem Arbeitsanzug. Wie ein Bergmann, der sich am liebsten mit kohlenstaubverschmiertem Gesicht ablichten lässt, trug auch Adam sein schmutzig-öliges Äußeres mit Stolz als Merkmal eines tüchtigen und geschickten Mechanikers, der sich nicht scheut, sich die Hände schmutzig zu machen. Saubere Hände hatte er nur einmal im Jahr, nämlich am Ende seines einwöchigen Urlaubs, den er mit seiner zehn Jahre jüngeren, etwas drallen, aber hübschen Frau Elżbieta in einer Ferienanlage, die noch aus Zeiten des Sozialismus stammte, an der Ostsee verbrachte. Seinem Schwager, der ihn an der Tankstelle solange vertrat, traute er nicht. Er nahm seine sauberen Hände als Zeichen, dass er wieder zur Arbeit müsse und gegen den heftigen Protest seiner Frau, die jedes Mal das Zimmer für zwei Wochen reserviert hatte, reisten sie ab.

Überhaupt, seine Frau Elżbieta. In ihrer Jugend war sie die Rummelplatzkönigin des ganzen Bezirks gewesen, die es nicht so genau nahm und hinter den Schaustellerbuden die Jungs ranließ. Man schrieb Radoslaw besondere Qualitäten in dieser Hinsicht zu. Sein Äußeres konnte es nicht gewesen sein, was Elżbieta dazu bewegte, mit ihm vor den Altar zu treten, denn er hatte um das Kind herum faltige, pergamentartige Haut, die davon herrührte, dass ihm als Lehrling ein Geselle einen Streich gespielt hatte. Als Kleinert sich gerade über einen Motorblock gebeugt hatte, hatte der Geselle den Kühlerdeckel geöffnet und das herausschießende kochende Wasser hatte Adams Haut abgelöst.

Im Dorf ging die Rede von beträchtlichem Vermögen Radoslaw Kleinerts, der neben Tankstelle und Werkstatt auch noch zwei Lastwagen besaß für die er als Fahrer zwei Weißrussen angeheuert hatte. Man sprach davon, Kleinert nähme es nicht so genau und würde kein gewinnträchtiges Geschäft ausschlagen.

Das Geld also, so stellten die maßgebenden Stimmen im Dorf fest, war es, was die Rummelplatzkönigin, die mit Mitte zwanzig ihren Zenit schon überschritten hatte, an den Altar brachte und nicht die Leibesfrucht, die sie trug, für die Kleinert keinesfalls die Verantwortung zu übernehmen gedachte, da er heftige Zweifel an seiner Vaterschaft hegte.

Eine kundige Frau in Kattowitz löste das Problem, noch bevor es offenkundig wurde. Kleinert übernahm die Kosten und passte seitdem sorgfältig auf, dass er im Wiederholungsfall wenigstens sicher sein könnte, zu Recht als Vater angesehen zu werden. Der Wiederholungsfall war in den zehn Jahren seither nicht eingetreten. Die kundige Frau aus Kattowitz war in der weiblichen Anatomie doch nicht so ganz sattelfest gewesen und hatte, nicht nur bei der Rummelplatzkönigin Elżbieta, sondern auch in zahlreichen anderen Fällen unabsichtlich in Überschreitung ihres Auftrages nicht nur das jeweils aktuelle Problem der Frauen gelöst, sondern auch dem Entstehen künftiger Probleme einen Riegel vorgeschoben.

Krupniaks Hemd in altrosa saß etwas knapp und ließ ihn wie eine überreife Brombeere wirken. Er selbst fand sich damit und in seiner weißen Hose todschick gekleidet, als er in die Kassenbaracke eintrat und dabei den Wagenschlüssel mit einem kleinen Goldbarren als Schlüsselanhänger schlenkerte, um zu zahlen und ein wenig mit Elżbieta zu schäkern. Sie war in seinem Alter und ihn verbanden mit ihr aus der Jugendzeit zwei oder drei brünstige Erlebnisse am Bahndamm. Die Tür war hinter ihm noch nicht ganz zugefallen, als Kleinert, sich den gröbsten Schmutz mit einem kaum noch aufnahmefähigen Lappen von den Händen reibend, hinzukam. Er traute weder dem Dickwanst noch seiner Elżbieta.

„Na Krupniak, wie gehts? Auch wieder einmal im Land?“

„Ich besuche meine Mutter. Sie hat am Samstag Geburtstag. Seit mein Vater gestorben ist, komme ich wenigstens alle Vierteljahre bei ihr vorbei.“

„Bleibst du länger?“

„Bis Ende nächster Woche. Ich habe in der Gegend noch ein paar Geschäfte zu erledigen.“

„Ich wollte auch noch etwas Geschäftliches mit dir besprechen.“

„Sag schon, was denn?“

„Nicht jetzt und hier.“

Elżbieta hinter der Kasse funkelte ihren Radoslaw an und schob ihr Kinn vor. Als sie mitbekam, wie sich die beiden für den nächsten Abend zu ihrer Geschäftsbesprechung in der „Crazy Bar“ verabredeten, verschwand sie mit einem heftigen Türknall im Nebenraum.

„Ich wüsste übrigens einen Käufer für deinen Bentley“, setzte Kleinert das Gespräch fort.

„Nein, nein, lass mal. Den Wagen behalte ich“, wehrte Krupniak ab, zahlte und ging.

„Bis morgen.“

„Ist wohl nur geleast!“, höhnte Kleinert. „Bis morgen!“

 

Die „Crazy Bar“ lag etwa einen Kilometer vom Dorf entfernt. Eine Seite des Parks des ehemaligen Herrenhauses grenzte an den Wald, im Übrigen war der Zamek, wie die Dorfbewohner das Anwesen nannten, von Äckern umgeben, ein ehemaliger Fischteich war versumpft. Nach dem Krieg hatte das Herrenhaus viele Jahre als Getreidespeicher gedient. Dann hatte es ein Investor übernommen, der wenigstens das Dach reparieren ließ und das Gebäude so vor dem Verfall rettete. Bevor er das Anwesen mit umliegendem Park und Äckern jedoch zu einem luxuriösen „Golf-Resort“ mit Hotel, „Spa“ und 18-Loch-Golfplatz ausbauen konnte, ging ihm das Geld aus. Die Liegenschaft wurde versteigert und wechselte danach auch noch zweimal den Besitzer, bevor Maria Magdalena Kaluza, in einschlägigen Kreisen als die „oberschlesische Puffmutter“ bekannt, mit ihrem Lebensgefährten Bogumil, einem deutlich jüngeren, sehr kräftig gebauten Mann aus der Branche aus dem Zamek die „Crazy Bar“ mit angeschlossenen Zimmern machte.

Als Krupniak eintraf, war der Parkplatz nur schwach belegt. Er drückte dem Parkwächter keinen Zloty-Schein, sondern fünfzig Euro die Hand und sagte: „Mein Bentley hier hat mehr gekostet, als du in zehn Jahren verdienst. Pass gut auf ihn auf. Wenn auch nur ein Kratzer drankommt, mach ich dich platt.“

Drinnen setzte er sich nicht an die Bar, sondern an einen etwas abgelegenen Tisch in der Ecke und bestellte einen Lagavulin. Ein Mädchen, das sich zu ihm setzen wollte, scheuchte er mit einer Handbewegung weg. Es war nicht viel los. Ein paar Männer, die der Kleidung nach auf Montage unterwegs waren, stierten in ihre Biergläser und wechselten von Zeit zu Zeit ein paar Worte. Bardamen standen hinter dem Ausschank in einer Ecke und schwatzten. Offensichtlich war mit den Monteuren kein größeres Geschäft zu machen. Aus den Lautsprechern dudelte Plastikpop. Auf einem Bildschirm lief ein Bericht über eine Frau mit dem angeblich dicksten Po der Welt.

In dem trüben lila Licht hätte Krupniak Radoslaw Kleinert beinahe nicht erkannt, der sich suchend umblickte. Er hatte sich mit T-Shirt und Jeans fein gemacht, bestellte ein Bier und nahm einen tiefen Zug. Krupniak stellte amüsiert fest, dass nach dem Absetzen auf dem Glas sogar bei dem gedämpften Licht Kleinerts Fingerabdrücke deutlich erkennbar waren.

Nach kurzem Geplauder kam Kleinert bald zur Sache:

„Hast du schon einmal von dem Schmierölgeschäft gehört?“

„Nein, wie kommst du darauf? Ich verkaufe Finanzprodukte und Immobilien.“

 

Peter Hoffart

Die „Geschäftsleute“ Krzysztof Krupniak und Radoslaw Kleinert treffen sich nach Jahren wieder in Schlesien, in dem Ort, aus dem sie beide stammen, an einer Tankstelle.

Krzysztof Krupniak fuhr gerne zum Tanken. Es gab ihm jedes Mal ein gutes Gefühl. Hier war er aufgewachsen, man kannte ihn. Oft traf er einen Freund oder Bekannten, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er war vorher noch zum Barbier gegangen, hatte sich seinen Bart stutzen und sein Haupthaar hochrasieren lassen. Eine Duftwolke umhüllte seine teigige Gestalt, als er sich auf das Kabuff zuwälzte, um seine Tankfüllung zu bezahlen. Wenn er seine Mutter besuchte, tankte er immer hier bei Radoslaw Kleinert mitten im Ort. Kleinert schraubte meistens an irgendeinem Gebrauchtwagen herum, kam aber stets auf ein Schwätzchen aus der Werkstatt, wenn er mitbekam, dass Krupniak da war und bei seiner Frau in der Baracke zahlte. Kleinert war klein und drahtig, etwa vierzig Jahre alt. Jahrein jahraus trug er denselben Overall, dessen Farbe nicht wiedergegeben werden kann, da der Arbeitsanzug aus einem einzigen Schmierölflecken bestand, der nur hie und da Reste des eigentlichen Gewebes durchscheinen und eine Farbe erahnen ließ, die vielleicht einmal Dunkelblau hätte sein können. Die Farbe seiner Hände stand im Einklang mit seinem Arbeitsanzug. Wie ein Bergmann, der sich am liebsten mit kohlenstaubverschmiertem Gesicht ablichten lässt, trug auch Adam sein schmutzig-öliges Äußeres mit Stolz als Merkmal eines tüchtigen und geschickten Mechanikers, der sich nicht scheut, sich die Hände schmutzig zu machen. Saubere Hände hatte er nur einmal im Jahr, nämlich am Ende seines einwöchigen Urlaubs, den er mit seiner zehn Jahre jüngeren, etwas drallen, aber hübschen Frau Elżbieta in einer Ferienanlage, die noch aus Zeiten des Sozialismus stammte, an der Ostsee verbrachte. Seinem Schwager, der ihn an der Tankstelle solange vertrat, traute er nicht. Er nahm seine sauberen Hände als Zeichen, dass er wieder zur Arbeit müsse und gegen den heftigen Protest seiner Frau, die jedes Mal das Zimmer für zwei Wochen reserviert hatte, reisten sie ab.

Überhaupt, seine Frau Elżbieta. In ihrer Jugend war sie die Rummelplatzkönigin des ganzen Bezirks gewesen, die es nicht so genau nahm und hinter den Schaustellerbuden die Jungs ranließ. Man schrieb Radoslaw besondere Qualitäten in dieser Hinsicht zu. Sein Äußeres konnte es nicht gewesen sein, was Elżbieta dazu bewegte, mit ihm vor den Altar zu treten, denn er hatte um das Kinn herum faltige, pergamentartige Haut, die davon herrührte, dass ihm als Lehrling ein Geselle einen Streich gespielt hatte. Als Kleinert sich gerade über einen Motorblock gebeugt hatte, hatte der Geselle den Kühlerdeckel geöffnet und das herausschießende kochende Wasser hatte Adams Haut abgelöst.

Im Dorf ging die Rede von beträchtlichem Vermögen Radoslaw Kleinerts, der neben Tankstelle und Werkstatt auch noch zwei Lastwagen besaß für die er als Fahrer zwei Weißrussen angeheuert hatte. Man sprach davon, Kleinert nähme es nicht so genau und würde kein gewinnträchtiges Geschäft ausschlagen.

Das Geld also, so stellten die maßgebenden Stimmen im Dorf fest, war es, was die Rummelplatzkönigin, die mit Mitte zwanzig ihren Zenit schon überschritten hatte, an den Altar brachte und nicht die Leibesfrucht, die sie trug, für die Kleinert keinesfalls die Verantwortung zu übernehmen gedachte, da er heftige Zweifel an seiner Vaterschaft hegte.

Eine kundige Frau in Kattowitz löste das Problem, noch bevor es offenkundig wurde. Kleinert übernahm die Kosten und passte seitdem sorgfältig auf, dass er im Wiederholungsfall wenigstens sicher sein könnte, zu Recht als Vater angesehen zu werden. Der Wiederholungsfall war in den zehn Jahren seither nicht eingetreten. Die kundige Frau aus Kattowitz war in der weiblichen Anatomie doch nicht so ganz sattelfest gewesen und hatte, nicht nur bei der Rummelplatzkönigin Elżbieta, sondern auch in zahlreichen anderen Fällen unabsichtlich in Überschreitung ihres Auftrages nicht nur das jeweils aktuelle Problem der Frauen gelöst, sondern auch dem Entstehen künftiger Probleme einen Riegel vorgeschoben.

Krupniaks Hemd in altrosa saß etwas knapp und ließ ihn wie eine überreife Brombeere wirken. Er selbst fand sich damit und in seiner weißen Hose todschick gekleidet, als er in die Kassenbaracke eintrat und dabei den Wagenschlüssel mit einem kleinen Goldbarren als Schlüsselanhänger schlenkerte, um zu zahlen und ein wenig mit Elżbieta zu schäkern. Sie war in seinem Alter und ihn verbanden mit ihr aus der Jugendzeit zwei oder drei brünstige Erlebnisse am Bahndamm. Die Tür war hinter ihm noch nicht ganz zugefallen, als Kleinert, sich den gröbsten Schmutz mit einem kaum noch aufnahmefähigen Lappen von den Händen reibend, hinzukam. Er traute weder dem Dickwanst noch seiner Elżbieta.

„Na Krupniak, wie gehts? Auch wieder einmal im Land?“

„Ich besuche meine Mutter. Sie hat am Samstag Geburtstag. Seit mein Vater gestorben ist, komme ich wenigstens alle Vierteljahre bei ihr vorbei.“

„Bleibst du länger?“

„Bis Ende nächster Woche. Ich habe in der Gegend noch ein paar Geschäfte zu erledigen.“

„Ich wollte auch noch etwas Geschäftliches mit dir besprechen.“

„Sag schon, was denn?“

„Nicht jetzt und hier.“

Elżbieta hinter der Kasse funkelte ihren Radoslaw an und schob ihr Kinn vor. Als sie mitbekam, wie sich die beiden für den nächsten Abend zu ihrer Geschäftsbesprechung in der „Crazy Bar“ verabredeten, verschwand sie mit einem heftigen Türknall im Nebenraum.

„Ich wüsste übrigens einen Käufer für deinen Bentley“, setzte Kleinert das Gespräch fort.

„Nein, nein, lass mal. Den Wagen behalte ich“, wehrte Krupniak ab, zahlte und ging.

„Bis morgen.“

„Ist wohl nur geleast!“, höhnte Kleinert. „Bis morgen!“

Die „Crazy Bar“ lag etwa einen Kilometer vom Dorf entfernt. Eine Seite des Parks des ehemaligen Herrenhauses grenzte an den Wald, im Übrigen war der Zamek, wie die Dorfbewohner das Anwesen nannten, von Äckern umgeben, ein ehemaliger Fischteich war versumpft. Nach dem Krieg hatte das Herrenhaus viele Jahre als Getreidespeicher gedient. Dann hatte es ein Investor übernommen, der wenigstens das Dach reparieren ließ und das Gebäude so vor dem Verfall rettete. Bevor er das Anwesen mit umliegendem Park und Äckern jedoch zu einem luxuriösen „Golf-Resort“ mit Hotel, „Spa“ und 18-Loch-Golfplatz ausbauen konnte, ging ihm das Geld aus. Die Liegenschaft wurde versteigert und wechselte danach auch noch zweimal den Besitzer, bevor Maria Magdalena Kaluza, in einschlägigen Kreisen als die „oberschlesische Puffmutter“ bekannt, mit ihrem Lebensgefährten Bogumil, einem deutlich jüngeren, sehr kräftig gebauten Mann aus der Branche aus dem Zamek die „Crazy Bar“ mit angeschlossenen Zimmern machte.

Als Krupniak eintraf, war der Parkplatz nur schwach belegt. Er drückte dem Parkwächter keinen Zloty-Schein, sondern fünfzig Euro die Hand und sagte: „Mein Bentley hier hat mehr gekostet, als du in zehn Jahren verdienst. Pass gut auf ihn auf. Wenn auch nur ein Kratzer drankommt, mach ich dich platt.“

Drinnen setzte er sich nicht an die Bar, sondern an einen etwas abgelegenen Tisch in der Ecke und bestellte einen Lagavulin. Ein Mädchen, das sich zu ihm setzen wollte, scheuchte er mit einer Handbewegung weg. Es war nicht viel los. Ein paar Männer, die der Kleidung nach auf Montage unterwegs waren, stierten in ihre Biergläser und wechselten von Zeit zu Zeit ein paar Worte. Bardamen standen hinter dem Ausschank in einer Ecke und schwatzten. Offensichtlich war mit den Monteuren kein größeres Geschäft zu machen. Aus den Lautsprechern dudelte Plastikpop. Auf einem Bildschirm lief ein Bericht über eine Frau mit dem angeblich dicksten Po der Welt.

In dem trüben lila Licht hätte Krupniak Radoslaw Kleinert beinahe nicht erkannt, der sich suchend umblickte. Er hatte sich mit T-Shirt und Jeans fein gemacht, bestellte ein Bier und nahm einen tiefen Zug. Krupniak stellte amüsiert fest, dass nach dem Absetzen auf dem Glas sogar bei dem gedämpften Licht Kleinerts Fingerabdrücke deutlich erkennbar waren.

Nach kurzem Geplauder kam Kleinert bald zur Sache:

„Hast du schon einmal von dem Schmierölgeschäft gehört?“

„Nein, wie kommst du darauf? Ich verkaufe Finanzprodukte und Immobilien.“

Herrn Schnabeltasses Heldentat

Der Frauen gegenüber scheue Kriminaloberrat Hermann-Joseph Schnabeltasse ist verliebt. Er wartet auf ein Zecihen seines geliebten“Schneewittchens“, wie er die Angebetete im stillen nennt, da er sie bald wiedersehen will. Das Folgende kommt dazwischen:

Vor dem Haupteingang des Hessischen Landeskriminalamts steht ein Fahrrad, an dem sich ein verdächtig aussehendes Subjekt zu schaffen macht. Dieses nachlässig gekleidete Wesen mit unfrisierten, pappigen und dringend eines ordentlichen Schnitts bedürftigen Haaren sieht verwahrlost aus, was auf seinen kriminellen Charakter bereits hindeutet und jedweden Verdacht zu begründen vermag. Wie der Zufall es so will, kehrt Hermann-Joseph gerade von einem Dienstgang zurück. Er trägt keine Dienstwaffe, dafür ist er mit einer gewissen Mißstimmung versehen.
Das Telefonat mit Schneewittchen letzte Nacht hat ihm bitteren Wermut in den süßen Wein seiner Hoffnungen geträufelt. Gleich heute morgen hat er ihr eine elektronische Kurznachricht geschickt und sie gebeten, ob sie nicht am Abend telefonieren könnten. Er meine es ernst. Gerade hat sie ihm geantwortet, das ginge nicht, da heute die Weihnachtsfeier der Ballettschule stattfände. Alle Eltern wären eingeladen, und die Eleven der Schule führten dabei selbstverständlich ihre Künste vor. Sie würde daher erst sehr spät nach Hause kommen. So wie dies alles formuliert ist, zweifelt Hermann-Joseph, ob es ihm gelingen werde, ihr Mißtrauen zu zerstreuen und sie von seiner Aufrichtigkeit zu überzeugen.
Als er in solch übellauniger Verfassung den Gesetzesbrecher wahrnimmt, erfaßt er blitzschnell die Situation und wendet sich wütend mit unwirschen Worten an das wüste Wesen: »Was machen Sie da?«
Die kriminelle Kanaille kontert und überrascht den Fragesteller damit, daß sie die rhetorische Frage, die nur ein Ausdruck von Unwillen ist, tatsächlich beantwortet.
»Ich klaue ein Rad.«
Der klauwillige Kerl verzieht seine unrasierten Backen – Kriminelle sind ja praktisch immer unrasiert – zu einem dreckigen Grinsen, richtet sich auf und rennt auch schon davon. Hermann-Joseph, wiewohl körperlich noch gut in Form, sieht ein, er hat keine Chance, den flinken Flegel durch Verfolgung flugs zu fangen. Geistesgegenwärtig ergreift er aber den am Boden liegenden Bolzenschneider und schleudert ihn dem fliehenden Straftäter hinterher. Das ist sicher nicht ganz ohne Risiko, weder für den Freund fremder Fahrräder – man darf annehmen, das Aufschlagen eines Werkzeugs am Hinterkopf beschert dem Träger des Kopfes ein sehr unangenehmes Gefühl – noch für den wackeren Hermann-Joseph. Denn er stünde sicherlich unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck, erschlüge er einen einfachen Fahrraddieb, auch wenn er unrasiert ist und wirklich kriminell aussieht, mit einem schweren eisernen Bolzenschneider.
Man sollte indessen in seine Betrachtungen einbeziehen, daß der Heldenhafte einst hessischer Jugendmeister im Speerwurf war und ihm daher einiges zuzutrauen ist. In der Tat. Er schafft es, sein Geschoß so schnell, so weit und so zielgerichtet zu werfen, daß er den flüchtenden Bösewicht – gerade noch am Knie erwischt. Der Schurke stolpert und fällt. Hermann-Joseph eilt zu ihm hin und schnappt sich das Früchtchen – Fallobst sozusagen. Inzwischen sind auch die Beamten im nur einhundert Meter entfernten Wachhaus endlich aufmerksam geworden, kommen hinzu und kümmern sich um alles weitere.
Immer noch übellaunig schnauzt sie Herr Schnabeltasse an:
»Wie kann das überhaupt passieren, daß hier in der Schutzzone vor dem LKA jemand am Zaun einen Gegenstand hinterläßt, und sei es nur ein angekettetes Fahrrad! Nächstens legt hier einer eine Tasche mit einer Bombe ab und Sie merken nichts!«
Der Fahrraddieb feixt, und wenn die Blicke der Beamten töten könnten, hätte es zwei Opfer gegeben.
Im Amt hat sich Herrn Schnabeltasses beherzte Tat schnell herumgesprochen. Zwar ist man – das ist überhaupt keine Frage! – gewohnt, dickere Fische zu fangen, aber solch schnelle Erfolge in der Kriminalitätsbekämpfung führen auch in der dünnen Luft der Verfolger von Terrorismus, internationalen Wirtschaftsdelikten und sonstigen Großverbrechen zu einem würzig-erdigen Hauch aus dem Sumpf des Bodensatzes der Straftaten, den selbst der kriminalistische Überflieger immer wieder gerne riecht.
Herr Kerschensteiner befindet sich aus undurchsichtigen Gründen nicht im Amt. Frau Hoffart, die Amtsleiterin selbst ist es, die bei Herrn Schnabeltasse im Büro vorbeischaut.
»Donnerwetter, Herr Kollege, Sie können‘s noch. Ganz der Alte. Ich habe davon gehört, wie Sie sich heute den Fahrraddieb geschnappt haben. Allerdings hat das 3. Revier in der Willi-Brandt-Allee gerade angerufen. Der des Diebstahls Beschuldigte hat gegen Sie Strafanzeige wegen Körperverletzung im Amt erstattet. Der Bolzenschneider hat ihn zwar nicht weiter verletzt, er wird allenfalls einen blauen Fleck hinterlassen. Beim Hinfallen ist er indessen unglücklich aufgekommen und behauptet, sich die rechte Kniescheibe gebrochen zu haben. Das ist sehr unschön. Schlagzeilen über durch die Polizei ausgeübte Gewalt können wir nicht brauchen.«
Ohne es zu ahnen verstärkt sie Hermann-Josephs Zerknirschung, der sich im nachhinein Vorwürfe gemacht hat. Der Wurf mit dem Bolzenschneider hätte ins Auge, genaugenommen auf den Hinterkopf, gehen können. Wäre das die Festnahme eines Fahrraddiebs wert gewesen? Jetzt steht er da wie vom Donner gerührt. Es ist also doch nicht glimpflich ausgegangen. Das anstehende Ermittlungsverfahren hat seine Heldentat zum Rohrkrepierer werden lassen.
»Ich habe etwas für Sie«, fährt die Präsidentin fort. »Hier ist der Bescheid über Ihre sechsmonatige Abordnung an das Sächsische Landeskriminalamt in Dresden im Rahmen des EuAphessPoPobeandBulä. Wenn Sie mir hier den Zugang quittieren wollen. Übrigens, im Vertrauen gesprochen, ich habe Pläne mit Ihnen. Bitte behalten Sie es noch für sich, aber Herr Kerschensteiner ist vorläufig vom Dienst suspendiert worden. Unter uns Frauen war er schon länger als Grabscher bekannt. Jetzt ist er zumindest in einem Fall noch darüber hinausgegangen, und eine Kollegin hat ihn angezeigt. Selbst wenn an der Sache nichts dran sein sollte, werden die anderen kleineren Vorfälle genügen, um ihn von seiner jetzigen Stelle auf die Leitung eines kleineren Polizeireviers in ›hessisch Sibirien‹ zu versetzen.«
Herrn Schnabeltasse tun die Polizisten in »hessisch Sibirien« leid und er stellt sich vor, daß es dort viele Versetzungsgesuche geben und mancher Beamte lieber ins ungemütliche Frankfurt mit höheren Lebenshaltungskosten wechseln wollen wird.
»Wenn Sie aus Dresden zurückkommen, überdies mit den Erfahrungen, die Sie in einer anderen Behörde gemacht haben, könnte ich Sie mir hier gut auf seinem Posten vorstellen. Zwar muß die Stelle ausgeschrieben werden, aber Sie wissen ja wie das läuft. Beim Innenministerium habe ich schon einmal vorsichtig vorgefühlt, und den Personalrat haben Sie sowieso auf Ihrer Seite. Leitender Kriminaldirektor würden sie freilich nicht sogleich werden. Wir müssen Sie erst einmal zum Kriminaldirektor befördern und danach etwas zuwarten.«
Sie tritt einen Schritt näher an ihn heran und ihre dezent bemalten Lippen weiten sich zu einem verführerischen Lächeln.
»Was meinen Sie, wollen wir die Sache morgen abend zur Einleitung des Wochenendes bei einem netten Essen im ›Le coq qui rit‹ besprechen? Das Lokal hat vor kurzem einen Stern im ›Guide Gummiwerke Müller Castrop-Rauxel‹ erhalten und ich habe jetzt kurz vor Jahresende noch einen Posten für Bewirtungen, den ich aufbrauchen muß, sonst wird er mir im nächsten Haushalt nicht mehr bewilligt.«
Sie streicht sich mit eleganter Geste durchs Haar.
Hermann-Joseph ist perplex. Noch ist er nicht so abgebrüht, daß er alle weiblichen Ränke von Anfang an gleich durchschaut, dennoch hat er in der letzten Zeit einiges dazugelernt.
»Nun«, fragt sie ihn freundlich auffordernd, als er – als feiner Herr hat er sich bei ihrem Eintreten von seinem Platz erhoben –, die Hände in den beiden Seitentaschen seines Rocks vergraben, offensichtlich unschlüssig vor ihr steht. Er ist in Nöten. Er muß unbedingt mit Schneewittchen telefonieren und die Mißverständnisse aus der Welt räumen, am Sonntag ist doch schon der vierte Advent und nächste Woche ist Weihnachten. Er will sie doch jetzt ganz schnell wiedersehen und das muß besprochen werden.
Das Angebot, sich auf Kerschensteiners Position zu bewerben, kommt ihm auch etwas zu plötzlich. Er weiß nicht, ob er das überhaupt will. Schließlich ist sein Leben derzeit auf den Kopf gestellt. Andererseits ist das Angebot, das ihm Frau Hoffart gemacht hat, auch nicht von der Art, daß man es rundweg ablehnen könnte und sollte.
Er wittert auch etwas, was ihm früher nicht aufgefallen wäre: Das Angebot kommt nicht nur von seiner obersten Chefin, es kommt von einer Frau als weibliches Wesen. Er schmeckt eine Ahnung des Dufts einer unsichtbaren Verführung. Er nimmt die Hände aus den Taschen und knetet sich das rechte Ohr.
Weil es ihn besorgt und um Zeit zu gewinnen fragt er:
»Und das Ermittlungsverfahren?«
»Klar, da darf jetzt nichts Unangenehmes dazwischenkommen.«
»Morgen abend habe ich leider eine Verabredung, die ich nicht mehr absagen kann«, sagt er nach einigem Zögern. Er stockt; einerseits weiß er nicht, ob es nach der Erfahrung mit Ingeborg richtig wäre, mit seiner Chefin essen zu gehen. Trotzdem überlegt er, ihr den Vorschlag zu machen, das Essen auf den heutigen Abend vorzuziehen. Er kann sich jetzt noch nicht entscheiden, ob er sich bewerben will, er weiß aber auch, daß ihm nicht viel Zeit bleibt. Am ersten Februar soll er bereits die Stelle in Dresden antreten und vorher sind die Feiertage. Außerdem muß er noch seinen restlichen Urlaub nehmen.
Er wird der Entscheidung enthoben: »Gut, dann besprechen wir das nach den Feiertagen, Herr Kollege.«
Ihr Ton ist deutlich kühler geworden.
Herr Schnabeltasse hat einen Dieb auf frischer Tat ertappt, festgenommen und dafür Anerkennung unter seinen Kollegen gefunden. Seine oberste Chefin hat ihm eine Beförderung in Aussicht gestellt und ihn spüren lassen, daß sie ihn – zumindest – interessant findet. Zudem ist es ihm gelungen, seinen Resturlaub jetzt am Stück nehmen zu können. Er hat die ganzen Feiertage über bis nach dem Dreikönigstag frei. Selbst seinen Bereitschaftsdienst konnte er verlegen. Trotzdem verläßt Herr Schnabeltasse heute das LKA verdrießlich. Als er sich unbeobachtet wähnt, kickt er sogar auf seinem Fußweg zum Hauptbahnhof eine leere Bierdose vom Trottoir auf den Rasen eines gepflegten Vorgartens.

Der Verlag

Philemon Bartholomäus Wortberg

Sie prahlten aus vollem Hals – und bekamen so den Hals nicht voll
Die Geschichte des Pralhals-Verlages

Ein Roman

Frühjahr 1968

„Ho, Ho, Ho Tschi Minh! USA, SS, SA! Amis raus aus Vietnam!“ Sie hatten sich die Kehle heiser gebrüllt und brauchten dringend etwas zu trinken. Es war ein langer Tag gewesen. Am Vormittag hatten sie die Vorlesung von Professor Wannemacher zum Thema „Erasmus von Rotterdam und seine Rezeption in der slawischsprachigen Welt“ zu einem teach-in umfunktioniert. Der Slawist und Philosoph Wannemacher hatte als Student in der dreißiger Jahren, protegiert vom Führer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes dort Karriere gemacht und 1938 in der nationalsozialistischen Studentenzeitung „Die Bewegung“ einen längeren Artikel mit dem Titel „Die Minderwertigkeit der slawischen Rasse – Wissenschaftliche Grundlagen“ veröffentlicht. Nach dem Zusammenbruch des Reiches floh er bald aus der sowjetisch besetzten Zone und es gelang ihm, sich in den fünfziger Jahren im Universitätsbetrieb der jungen Bundesrepublik erneut zu etablieren. Er war Ordinarius für Philosophie und Geschichte des abendländischen Denkens.

Sie hatten abgesprochen, daß Wannemacher heute in der Vorlesung als Faschistenschwein demaskiert werden sollte. Als er den Hörsaal betrat, gab es erst Buh-, dann provokative Zwischenrufe, schließlich wurde er niedergebrüllt. Zu einer Diskussion kam es nicht. Robert und seine Genossen ließen dies nicht zu. Sie übernahmen das Kommando und die Mikrophone und eiferten über den Freiheitskampf des vietnamesischen Volkes, das heldenhaft gegen das imperialistische Amerika kämpfte, um der Weltrevolution zum Sieg zu verhelfen. Die Vasallenrolle des faschistischen Regimes der BRD wurde aufgedeckt und scharf verurteilt. Wannemacher verließ den Hörsaal mit versteinertem Gesicht, während Robert mit rotumrandeten Augen, schwitzend vor Erregung seine Suada abzog. Zum anschließenden sit-in zog man vor das Rektorat der Universität und versperrte alle Eingänge, bis sich die Blockade im Handgemenge mit der Polizei auflöste.

Nun war man also heiser, hatte Durst und Hunger. Petra schlug vor, im „Republikanischen Club“ weiterzudiskutieren, aber Kurt, dessen Lust auf Genuß sich nicht auf intellektuellen Erguß beschränkte, wollte erst essen und trinken und war dafür, ein neueröffnetes italienisches Lokal auszuprobieren, das zu günstigen Preisen Pizza anbot.

„Habt ihr das schon mal probiert? Das ißt die Arbeiterklasse in Italien, schmeckt prima und macht satt.“

Dazu schenkte Pietro, der eigentlich Andrea hieß, was aber einige seiner Gäste verwirrte, die in den letzten Jahren ihre kleinen Töchter so genannt hatten, reichlich Wein aus großen Korbflaschen aus. Beim Lambrusco rekapitulierte die Schar die Ereignisse des heutigen Tages. Roswitha hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sie nickte immer wieder ein, denn sie war schon um halb fünf Uhr aufgestanden und hatte vor Beginn der Frühschicht an den Werkstoren der EPFA Eisenwerke AG die erst um zwei Uhr nachts fertiggestellten Flugblätter verteilt, um die Arbeiterklasse aufzurütteln und für den solidarischen Kampf mit den Studenten zu gewinnen.

„Flugblätter sind wichtig“, dozierte Robert und strich sich mit seinem linken Zeigefinger, den er erst gebieterisch erhoben hatte, die nicht mehr schweißnassen, sondern inzwischen pappigen langen Haare aus der Stirn, „aber sie sind, wie der Name schon sagt, flüchtig. Sie werden oft nur überflogen und dann weggeworfen. Wir brauchen etwas, was länger Bestand hat. Wir brauchen Bücher, die uns und das gesamte Proletariat bei der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und Herrschaftsverhältnisse begleiten.“

„Die gibt’s doch schon“, maulte Kurt, dem drei schnell hintereinander gegen den Durst getrunkene Lambrusco schon etwas in den Kopf gestiegen waren und der sich gerne mit der neben ihm sitzenden Petra etwas privater unterhalten hätte.

„Eben nicht!“, wies ihn Robert zurecht. „Was es gibt, sind schlecht von der Matrize abgezogene Broschüren und marxistische Literatur, die man bei einem Besuch in der DDR kaufen kann. Aber nichts Praktisches, für den Kampf im Alltag. Die bourgeoisen deutschen Verlage stützen das herrschende System. Kapier das doch endlich!“

„Ja und?“

„Was, ja und! Wir müssen das selber machen!“

„Wie“, fragte Karl-Ludwig, „willst du ein Buch schreiben?“

„Vielleicht, vor allen Dingen sollten wir aber Bücher ver-le-gen!“

Robert brüllte das letzte Wort Silbe für Silbe heraus, was Pietro, der am Tresen Gläser spülte, aufblicken ließ. Er drehte die Musik etwas auf, die Mandolinenläufe der Tarantella mischten sich mit der erregten Diskussion der Studenten. Gregor, der sich bisher etwas gelangweilt hatte, erfaßte sofort die Brillanz dieser Idee. Er sah enormen Bedarf, wenig Angebot und vor allem hielt er die meisten seiner Kommilitonen für völlig weltfremd und geschäftsuntüchtig. „Ich bin dabei!“, rief er spontan. Damit war der Funke übergesprungen. Alle wollten dabeisein. Noch in derselben Nacht wurde im Republikanischen Club das „Verlagskollektiv Roter Stern“ gegründet.

Nachdem sich ein paar Burschenschaftler und der RCDS in einem Flugblatt über die Verleger lustig gemacht hatten, die zwar noch kein Buch herausgebracht hatten, aber „im Kollektiv“ auf Befehl lachten, drang Gregor auf eine Namensänderung. Er meinte auch, man sollte die Sache nicht mit verbissenem Bierernst angehen. Ein wenig Ironie käme sicher gut an.

„Du meinst, wir sollten uns selbst ein wenig auf die Schippe nehmen?“ vergewisserte sich Petra und rückte ein wenig in Richtung Gregor.

„Warum nicht, das macht neugierig, weckt Interesse“, haute Kurt in die Kerbe.

„Aufschneider-Verlag“, platzte Roswitha heraus.

„Das ist zu plump“, wiegelte Gregor ab und traf damit die allgemeine Meinung. „Pralhals Verlag“, ließ sich Jette schüchtern vernehmen, Kurts dänische Freundin, welche die ganze Zeit geschwiegen hatte.

„Pralhals – du meinst Prahlhans, oder?“

„Nein, in Dänemark sagen wir pralhans oder pralhals. Bei pralhals versteht doch jeder Deutsche gleich, was gemeint ist, trotzdem klingt es fremd und weckt die Aufmerksamkeit.“

Jetzt erst erkannte Gregor, daß Kurts Freundin mehr als nur äußerliche Qualitäten zu bieten hatte und beschloß, sie ihm auszuspannen. Den ersten Schritt auf diesem Wege machte er, indem er die Gesprächsführung an sich riß, Jette lobte und die Entscheidung verkündete:

„Klasse Idee, Jette, so machen wir’s, prima, Pralhals Verlag. Jeder, der das hört, wird gleich eine Rückfrage stellen und kann sich so den Namen schnell merken.“

Sommer 1970

Zwei Jahre lang war das Verlagsprojekt nicht so recht in Gang gekommen. Das Studium, die politische Arbeit, Beziehungskrisen und allerhand mehr drängten sich in den Vordergrund. Vor allem aber fehlte es an Kapital. Wollten die „langhaarigen Gammler“ in Flower-Power-Kluft ein Buch drucken lassen, wurden die Druckereibesitzer in der grauen Arbeitskutte mit Krawatte drunter stets mißtrauisch und forderten Vorkasse. Daran scheiterte in mehreren Fällen die Bereicherung der Welt des politischen Sachbuchs und die Aufklärung des Proletariats über die herrschenden Mißstände im kapitalistischen System der BRD.

Am 27. Mai 1970 starb dann aber Gregors Großonkel Manfred. Er war ein alter Hagestolz gewesen, der es zu einem kleinen Vermögen gebracht hatte. Zu den Kindern seiner einzigen Schwester hatte er kein besonderes Verhältnis gehabt, ihren Enkel Gregor aber, dessen umtriebiges Wesen ihm gefiel, hatte er gemocht. Gregor war schlau genug gewesen, dies zu bemerken und auch die richtigen Schlüsse hieraus zu ziehen, indem er den Kontakt zu dem alten Herrn nie ganz hatte abreißen lassen. Er hatte auch nicht versäumt, Onkel Manfred von Zeit zu Zeit zu besuchen.

Dann hatte er sich zwar meistens, vor allem in den letzten Jahren, Geschichten aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs anhören müssen, der Großonkel parlierte bei der Gelegenheit, er war in französischer Kriegsgefangenschaft gewesen, auch gerne etwas Französisch, der alte Herr hatte aber auch zuhören können und die Erzählungen seines Großneffen von seinem jugendlich-leichtsinnigen Leben genossen. Besonders hatte er es gemocht, wenn Gregor etwas über, wie Onkel Manfred es nannte, „pikante Abenteuer“ durchblicken ließ. Dann pflegte Onkel Manfred zu seufzen und anzumerken, sie seien damals ja auch nicht von gestern gewesen, aber das sei mit der „kolossalen“ heutigen Freiheit selbstverständlich nicht zu vergleichen, wo es doch jetzt diese Pille gäbe und man auch vor Geschlechtskrankheiten keine Angst mehr haben müsse.

Dieser Onkel Manfred also hatte Gregor zu seinem Alleinerben eingesetzt. Gregor war klug genug, dies für sich zu behalten. Es war ihm zuwider, ständig angeschnorrt, noch hatte er Lust, zu namhaften Spenden für den heldenhaften Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes genötigt zu werden. Er ging erst einmal zur Sparkasse, bei welcher der Großonkel sein Depot geführt hatte. Dort ließ er sich ausführlich beraten und nahm als Ergebnis der dem langhaarigen Gammler etwas gönnerhaft gewährten Beratung mit, daß man nicht alles auf ein Pferd setzen sollte. Diese Empfehlung setzte Gregor auch um, allerdings ging er hierfür zur Volksbank, deren Anlageberater in seinem Alter war, statt eines mausgrauen Anzugs mit Weste wie der Sparkassenmitarbeiter, einen hellbraun gemusterten Sakko im Flower-Power-Dessin und ein lindgrünes Hemd mit zehn Zentimeter langen Kragenspitzen trug. Die zu einem fast faustdicken Knoten gebundene leuchtfarben-grüne Krawatte vervollständigte das Bild jugendlich-dynamischer Kompetenz.

Mit einem Teil seines Geldes wollte er dem Pralhals Verlag auf die Sprünge helfen. Seinen Genossen erzählte er etwas von einem Kredit, den er von einem Verwandten erhalten hätte, sie hinterfragten den ihnen plötzlich zur Verfügung stehenden finanziellen Spielraum auch nicht lange. Die Hauptsache war, die Kohle stand zur Verfügung und man konnte mit der Verlagsarbeit richtig loslegen.

Man verlegte allerlei. Die Hauptsache war, es handelte sich um nichts Bürgerliches; je provozierender desto besser. Marxistisch-theoretische Schriften spielten keine Rolle, den Hirnschmalz hierfür wollte keiner aufwenden, außerdem gab es das ja alles in der DDR zu kaufen.

Das erste im Pralhals Verlag erschienene Werk stammte von einem Autorenkollektiv und trug den Titel „Die Erziehung zur Überwindung bürgerlich-faschistischer Moralvorstellungen durch freie Zonen der Liebe in den Schulen“. Mit den „freien Zonen der Liebe“ waren Räume gemeint, in denen Schüler, zu zweit oder zu mehreren, in den Pausen und darüber hinaus ihren Geschlechtstrieb ausleben können sollten. Das Buch wurde ein Verkaufsschlager, denn nicht nur Schüler, Lehrlinge und Studenten kauften es, sondern auch, freilich aus pädagogischen Gründen, viele Lehrer und noch mehr lüsterne Erwachsene, die sich eine wohlig-schaurige Entrüstung gönnen wollten.

Frühjahr 1972

Nach dem phänomenalen, auch wirtschaftlichen Erfolg mit den „Freien Zonen“ folgten als weitere Bestseller Titel wie „Schwinge in der Matte! Eine Dekonstruktion des Fleißes“ oder „So werde ich, wer ich wirklich bin“. Bei letzterem Œuvre handelte es sich um eine sozialpädagogisch-psychologische Anleitung zur Überwindung von Klassenschranken auf dem Weg zur Selbstverwirklichung.

Neben den üblichen Vertriebskanälen – die Barsortimenter erkannten auch sehr schnell, daß sich mit den Büchern des Pralhals Verlages Geld verdienen ließ – wurde ein altes Vertriebsmodell wiederbelebt. Es handelte sich um eine Art Kolportage. Die männlichen Genossen hielten sich eine Schar Schülerinnen und Studentinnen der Anfangssemester, welche für lächerliche Provisionen oder auch ohne Entlohnung an Schulen, Universitäten, in Studentenclubs und sonstwo die Bücher im Direktvertrieb verkauften. Dafür durften die, völlig ungeniert „Hühner“ genannten, Mädchen und jungen Frauen bei den stark angesagten Parties der Genossen des Kollektivs des Pralhals Verlages mitfeiern, ihre Verklemmtheit überwinden und der Befriedigung der Kollektivherren dienen. Überhaupt genossen diese Lustbarkeiten während derer man sich gerne mit diversen Hilfsmitteln in höhere Bewußtseinssphären versetzte, einen hohen Ruf in den einschlägigen Kreisen.

Herbst 1975

Das leicht verdiente Geld war bald wieder dahin. Das Kollektiv zerstritt und verlief sich. Robert und Petra stiegen rechtzeitig aus, da sie wegen des Radikalenerlasses fürchteten, nicht als Studienassessoren eingestellt und auf Lebenszeit verbeamtet zu werden. Roswitha blieb ihren Idealen treu und kämpfte fortan als Richterin am Arbeitsgericht für die unterdrückte Arbeiterklasse, Karl-Ludwig ging nach Indien, um Sitar spielen zu lernen und zu meditieren. Jette, die schon seit Studienbeginn ihr Geld als Vorführdame verdient hatte, war schon seit langem ein gefragtes Fotomodell.

Am Ende blieb nur einer dabei, nachdem er den anderen ihre Anteile für einen Appel und ein Ei abgeschwatzt hatte. Dieser eine war Gregor Hambach. Als Geschäftsmann war er ebenso talentiert wie durchtrieben. Er schwamm politisch mit dem Strom, konnte und wollte aber im Grunde mit dem ganzen marxistischen und sonstigen Überbau nichts anfangen. Der Nimbus des linken spontanen, jugendlich frech-frischen Verlags wurde weiterhin gepflegt, das Programm aber so erweitert – schließlich waren auch die treuen Kunden der Anfangszeit inzwischen älter geworden –, daß nicht nur der sich auf dem Marsch durch die Institutionen Befindliche für sich etwas Passendes unter den verlegten Büchern fand. So lief der Verlag eine Reihe von Jahren sehr ordentlich und Hambach, immer noch äußerlich im Habit des unangepaßten Revoluzzers, verdiente prächtig.

Frühjahr 1999

Vielleicht war es sein Instinkt, der ihm sagte, auf Dauer würde dies so nicht weitergehen, möglicherweise hatte er auch keine Lust zum Arbeiten mehr, jedenfalls hatte er den Verlag eines Tages in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Dann landete er den großen Coup, indem er ihn an die Börse brachte. In der Zwischenzeit hatte sich Hambach auch ein paar Anzüge schneidern lassen und trug erforderlichenfalls sogar eine Krawatte. Stichworte wie „strategische Allianzen“, bessere „exploitation der Intellectual Property Rights“ gingen ihm flüssig von den Lippen. Spötter sagten damals, mit dem Intellekt sei es zwar nicht so weit her, aber, mehr Kohle aus den Urheberrechten ziehen zu wollen, sei schon in Ordnung. Neben seiner Beredsamkeit war es vor allem der Plan, sich als Produzent in der Film- und TV-Branche betätigen zu wollen, der viele Kleinaktionäre ebenso wie finanziell potente Finanzinvestoren anlockte. Der weltläufige Hauch des Film- und Fernsehgeschäfts weckte Phantasien.

Es gab aber auch andere Financiers. Ein Herr, der mit Belletristik eher weniger anzufangen wußte, erwarb für einen namhaften Betrag ein größeres Aktienpaket, weil seine Frau gerne las und sie in ihrem gediegenen Heim eine schöne Bücherwand hatten. Der passende Verlag dazu hatte bislang gefehlt. Die Börseneuphorie war insgesamt groß und so gelang es, für die Aktien den völlig überzogenen und bald darauf nicht mehr nachvollziehbaren Betrag von 80 Millionen Euro als Kapital für die Gesellschaft einzusammeln. Der Börsenkurs zog an, Hambach verkaufte seine Aktien und zog sich aus dem Geschäftsleben als Multimillionär auf seinen Wohnsitz in Gstaad zurück.

Herbst 1999

Es ging hoch her in der Aufsichtsratssitzung. Des neuen Status des Unternehmens eingedenk, hatte man in einem der „Leading Hotels Of The World“ einen Salon gemietet. Ein Etagenkellner stand zur ständigen Verfügung der Herren. Übelacker meckerte: „Für das Geld hätten die wenigstens eine hübsche Kellnerin schicken können“, aber Übelacker war in der Aufsichtsratsrunde als Nörgler bekannt und man ließ sich den gereichten Imbiß schmecken und trank Bordeaux dazu. Übelacker wollte wieder eine Extrawurst gebraten haben und bestellte einen Burgunder, „aber nur Côte de Beaune“, den Bordeaux vertrage er nicht, er sei ihm zu schwer.

Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft war auch die Errichtung eines Aufsichtsrats unumgänglich geworden. An interessierten Kandidaten war kein Mangel gewesen. Den Engpaß bei der Besetzung des Gremiums hatte eher die wünschenswerte Qualifikation der Aufsichtsratsmitglieder dargestellt. Zahlreiche Kandidaten brachten sich ins Spiel. Pensionierte Bankangestellte, gescheiterte Verleger und Freiberufler jeglicher Couleur: Sie alle spekulierten auf einen gutdotierten Posten als Frühstücksdirektor mit wenig Zeitaufwand und bei guter Verpflegung. Die Überlegung, daß das Amt mit Arbeit und Verantwortung verbunden sein könnte, spielte eine eher untergeordnete Rolle. Im übrigen strebten sie den Verlockungen eines Verlags nach, der sich, wie ein junger Hirschbock mit glänzendem Fell und prächtigem Geweih, anschickte, im internationalen Revier des Verlagswesens die Platzhirsche herauszufordern.

Die Büroräume des Verlags, in denen der Aufsichtsrat in der ersten Zeit getagt hatte, waren bewußt unverändert geblieben. Man wollte das unangepaßte, alternative Image pflegen, nicht so „kommerziell“ wirken. Der Aufsichtsrat hatte es dann aber schließlich abgelehnt, im Besprechungsraum zu tagen, wo die Belegschaft häufig zu Mittag aß und der Aufsichtsratsvorsitzende jedes Mal mit leichter Empörung die Empfangsdame anwies, den Tisch abzuwischen, um die Fett- und Kaffeeflecken zu entfernen. Klebrige Sektreste waren manchmal auch dabei. Außerdem war man der Brötchen vom Metzger um die Ecke überdrüssig.

Man hatte die Einnahme der Stärkung an den Beginn der Sitzung verlegt, weil zwei Aufsichtsratsmitglieder erklärt hatten, anschließend noch wichtige Termine zu haben und nicht bis zum Ende bleiben zu können. Die Herrschaften tafelten in bester Laune. Geschichten aus alten Zeiten wurden erzählt, der Etagenkellner holte Nachschub an Bordeaux, auch Übelacker gab dem Kellner mit der rechten Hand ein lässiges Zeichen, daß er von dem Côte de Beaune noch eine Flasche bringen könnte.

Marschner als Vorsitzender eröffnete schließlich die Sitzung.

„Meine Herren, wie Sie wissen haben wir heute eine bedeutende Entscheidung für unser Unternehmen zu treffen. Die Position des Vorstandes unserer Aktiengesellschaft ist zu besetzen. Der Personalausschuß hat sich mit der Identifizierung geeigneter Kandidaten sehr viel Mühe gegeben.“ Er neigte den Kopf ein wenig in Richtung der drei Mitglieder des Ausschusses: „Ich danke Ihnen sehr, meine Herren.“

Einer der angesprochenen blickte leicht verlegen nach unten. Denn in Wahrheit hatte nur ein einziger von den dreien einen befreundeten Headhunter angerufen, sich ein kick-back aus dem sechsstelligen Vermittlungshonorar versprechen lassen und die Kandidatenvorschläge des Personalberaters einfach Marschner weitergeleitet. Zwei Mitglieder des Ausschusses hatten überhaupt nichts getan, einem der beiden war dies wenigstens peinlich. Marschner hatte die fünf ersten Gespräche mit den Kandidaten geführt, zwei Damen und zwei Herren aus unterschiedlichen Gründen als nicht geeignet abgelehnt und nur einen gewissen Herrn Christmann empfohlen, dessen entschloßen-dynamisches Auftreten ihm imponiert hatte. Dieser sollte sich heute vorstellen. Falls er die Zustimmung des Aufsichtsrats fände, war geplant, sogleich die Vertragsdetails mit ihm zu besprechen.

„Unser Kandidat, Herr Christmann, wird gleich hier sein. Gibt es vorab noch Fragen zu seiner Person?“

Oberflächlich überflogen die Herren die Tischvorlage mit den Unterlagen zu Christmanns Werdegang.

„Ich verstehe gerade nicht“, fragte Czerwinsky, „wo steht das denn? Hat denn der Christmann noch nie einen Verlag geleitet?“

„Darauf kommt es doch nicht an“, entgegnete Marschner barsch. Wir brauchen keinen schöngeistigen, bildungsbürgerlichen Verlagsleiter, sondern einen Mann mit Visionen und internationaler Erfahrung, der die Aktiengesellschaft neu aufstellt und global positioniert.“

„Ach so, der hat Visionen! Klar, der Name läßt schon darauf schließen: Gotthelf Maria Christmann, offensichtlich ein kontemplativer christlicher Mystiker. Ob das die richtige Besetzung für den Posten ist?“ spottete Dahlmann, was übrigens dessen letzter Wortbeitrag in einer Aufsichtsratssitzung war. Bei der nächsten Hauptversammlung wurde er wegen mangelnden Verständnisses der neuen Strategie des Verlages durch einen geeigneten fortschrittlichen Kandidaten ersetzt.

Christmann wurde in den Raum gebeten und stellte seine drahtige Figur vor. Er wäre Ultralangstreckenläufer, verkündete er mit einem gewissen Hochmut und tatsächlich ließen seine tief in ihren Höhlen liegenden Augen auf brennenden Ehrgeiz und eine gewisse Besessenheit schließen. Natürlich stand er nicht an, seine Visionen ausführlich darzulegen. Dahlmann verdrehte die Augen und schwieg. Der Gott, dem dieser Christmann mit seinen Visionen näherkommen will, ist der Mammon, sagte er sich. Das ist ja in Ordnung, es soll schließlich Geld verdient werden. Aber mir scheint, diesen Mann gelüstet es viel mehr nach Macht und Befriedigung seiner Eitelkeit als Aktionären eine Dividende zu erwirtschaften.

Christmann trug also seine Visionen vor:

„Ich werde aus Pralhals einen international agierenden Medienkonzern machen. Wir müssen groß denken, nach vorne denken. Gedruckte Bücher sind auf Dauer ein Auslaufmodell. Dementsprechend ist das Verlegen von gedruckten Büchern ein Businessmodell ohne längerfristige Perspektiven. Das Netz ist die Zukunft und die digitalisierte Welt ist unsere Welt! Wir müssen uns besser vernetzen, vor allen Dingen international! Strategische Partnerschaften werden uns weiterbringen. Pralhals hat einen guten Namen, dieser muß für den Einstieg in die Medienwelt genutzt werden!“

Mit einer Ausnahme nickte der Aufsichtsrat einhellig und fast gleichmäßig mit den jeweiligen Köpfen, wie eine Reihe von Wackeldackeln auf der Hutablage eines Opel Rekord von 1972.

„Ich danke Ihnen sehr“, sagte Marschner, stand auf, blickte sich stolz ob seiner exzellenten Kandidatenauswahl im Kreis der anderen Aufsichtsräte um und schüttelte Christmann, der ebenfalls aufgestanden war, nachdrücklich die Hand.

„Ich glaube, das genügt Herr Christmann. Oder gibt es Einwände?“

Den Aufsichtsräten paßte es nicht, so überfahren zu werden, da sie aber, mit einer Ausnahme – und diese Ausnahme hatte keine Lust sich Ärger einzuhandeln – von den Ausführungen des Kandidaten überzeugt waren, wackelten sie erneut.

Die Vertragsdetails wurden gleich anschließend zu Christmanns völliger Zufriedenheit geregelt und Marschner, der die Spendierhosen anhatte, ließ Champagner kommen. Den beiden Aufsichtsräten, die erklärt hatten, wegen ihrer Folgetermine schon früher gehen zu müssen, gelang es – wenngleich nur unter größten Mühen – , die anschließenden Termine zu verschieben, und so saß man noch eine Weile in fröhlicher Runde zusammen, ehe man sich in die Hotelbar begab.

Christmann hatte also freie Hand, seine Visionen nach und nach umzusetzen, ohne wirkliche Hürden überwinden zu müssen. Auch die Aktionäre stellten kein Hindernis dar. Sie wurden auf den jährlichen Hauptversammlungen gut bewirtet. In satten Farben und mit breiten Pinselstrichen malte der Vorstand die Zukunftsaussichten des Verlages und die zwar nicht ausdrücklich versprochenen, denn das wäre gefährlich gewesen, aber doch geschickt in Aussicht gestellten Dividenden ließen die Aktionäre verstummen, denn jeder kritisch Nachfragende hätte sich vor der ganzen Versammlung als kleinkarierten Pedanten bloßgestellt.

Dessen ungeachtet verschmähte er auf seiner Einkaufstour aber auch Buchverlage nicht. Gekauft wurde, was der Markt so hergab: Ein Motorsportverlag, ein Unternehmen für populärwissenschaftliche Ratgeberliteratur und ein Schulbuchverlag. Mit dem Erwerb eines Anbieters von Seminaren und Fortbildungsveranstaltungen war aber noch lange nicht Schluß. Vielmehr waren diese Akquisitionen nur Übungen, zum Aufwärmen sozusagen. Christmann ging es nicht nur darum, in der ersten Reihe der deutschsprachigen Verlage zu stehen und über die einschlägigen Branchenreports hinaus auch in den Feuilletons erwähnt zu werden. Er träumte davon, der deutsche Medienzar zu werden, ein „Promi“ mit Geld, Macht und Einfluß in höchsten Kreisen.

In Werbung und Öffentlichkeitsarbeit wurde das bisherige Bild des Hauses weiter gepflegt. Auch an den leicht chaotisch wirkenden Verlagsräumen wurde nichts verändert. Die Geschäftsreisen hingegen wurden zahlreicher und kostspieliger, die aufgesuchten Hotels luxuriöser und die Verlagsveranstaltungen aufwendiger.

Um zum modernen, also zeitgeistgemäßen Medienunternehmen zu werden, wurden die angekündigten strategischen Partnerschaften eingegangen. Gemeinsam mit diesen Partnern sollten neben den Büchern auch Filme, Tonträger, Videospiele und Online-Aktivitäten entfaltet werden. Hinzu kam natürlich das merchandising. Kaffeepötte mit bekannten Namen drauf sollten das große Geld bringen.

Leider zeigte sich, daß es manchmal nicht gut ist, wenn man seine ersten Erfahrungen auf einem neuen Geschäftsfeld gleich in ganz großem Stil sammelt. Nach der altbekannten Kaufmannsweisheit liegt der Gewinn im Einkauf. Wer etwas weiterdenkt, versteht, daß es sich mit dem Verlust nicht anders verhält. Der schnellebige Wind der Moderne drehte sich, der Plunder verstaubte in den Regalen, weil die Kunden inzwischen schon wieder einem anderen Trend nachliefen.

Die viel zu teuer eingekauften Lizenzen drückten stark auf das Jahresergebnis. Allein dies focht Christmann nicht an. Er dachte groß und weit nach vorne schauend. Für Film- und Fernsehproduktionen wollte er alles abgreifen, was erreichbar war. Die Idee, eine Schauspielschule zu eröffnen, verwarf er wieder, obwohl ihn der Gedanke, sich bei der Auswahl der Schauspielschülerinnen verstärkt persönlich einzubringen, sehr gereizt hatte. Indessen sagte er sich zu Recht, ein Film ohne Musik sei nicht denkbar und damit sei auch gutes Geld zu verdienen. Also wurde die Tochtergesellschaft Crazy Music GmbH gegründet. Man ging mit der Mitteilung an die Öffentlichkeit, daß für das Jahr der Gründung ein Umsatz von drei Millionen Euro geplant sei, die in den folgenden Jahren jeweils verdoppelt würden. Solche Planzahlen brauchte man nicht nur, um die Aktionäre bei Laune zu halten. Angesichts horrender Kosten für Berater, Fachleute und wichtige Manager, von den Spesen einmal ganz zu schweigen, mußte man schon das Verhältnis wahren.

Wenn sich jemand neu auf einem Markt tummelt, gerät er meistens erst einmal an sehr beredte Personen, die strahlende Szenarien vor dem geistigen Auge ihrer Kunden entstehen zu lassen in der Lage sind, ihren persönlichen Engpaß indessen eher im Fachlichen haben. Von der eigenen Größe und Einsichtsfähigkeit überzeugt, spaltet der Kunde willig seinen kritischen Verstand ab und verwahrt ihn in einer selten aufgesuchten Ecke seines Gehirns, denn das, was man gerne hören möchte, hört man eben gerne ungestört, wenn es dann tatsächlich gesagt wird. So begab es sich auch in diesem Fall.

Oktober 1997

Angefangen hatte alles mit der Idee Christmanns, ein komplettes Medienpaket zu schnüren, was er freilich nicht so nannte. Integrated Media Cross-Selling Strategy, kurz IMCS war das Schlagwort. Er erwog seine Visionen einige Zeit für sich in seinem Busen, bevor er damit herausrückte. Erst wurde die Hausjuristin Frau Krämer mit seinen bahnbrechenden Ideen und Erkenntnissen beglückt. Da sie sich aber nicht von der Brillanz des Planes hingerissen zeigte, fiel sie in Ungnade und wurde von weiteren Informationen abgeschnitten. Der Unternehmensberater Dr. Thorsten Lindkamp wurde ins Vertrauen gezogen und mandatiert. Sein überlegen-weltläufiges Auftreten beeindruckte Christmann. Mit solchen Leuten ließ sich etwas anfangen, dachte er, ließ sich nach vorne gehen, angreifen, Märkte erobern.

Christmann leuchtete ein, sein challenge war, die purpose-Säule seiner agilen Organisationsentwicklung durch ein gemeinsames Organisationsverständnis von Vision, Mission und Werten valide zu implementieren; Lean Management in der Inkubations-, Transformations- und Performance-Phase.

28. März 1998

Von derartigen Einsichten bewegt, besuchte er die Musikmesse in Frankfurt am Main. Er schlenderte durch die Gänge, kam auch mit dem einen oder anderen ins Gespräch, ohne daß sich aber konkrete, weiter zu verfolgende Geschäftskontakte ergeben hätten. Etwas enttäuscht suchte er am Abend noch Jimmy’s Bar auf. In der stilvollen Atmosphäre einer klassischen Bar mit einer Wandvertäfelung, die farblich mit edlen Cognacs, Whiskys und Calvados‘ harmonierte, wollte er nach dem Abendessen noch einen Single-Malt trinken und über die challenges von IMCS nachdenken.

Eine attraktive Dame um die vierzig gesellte sich zu ihm an die Bar, bat ihn um Feuer, beugte sich beim Anzünden zu ihm hinüber und gewährte dabei tiefe Einblicke. Sie begann, etwas Konversation zu machen, aber Christmann war nicht in Stimmung. Die Bar war inzwischen brechend voll, Messegäste, einheimische Nachtschwärmer und Lebemenschen standen plaudernd herum. Sitzplätze gab es längst keine mehr. Die bläulichen Schwaden der Zigarren und der Geruch des Alkohols bildeten für Christmann eine anregende Mischung, die ihn in eine hoffnungsvolle Stimmung versetzte. Der Mann am Flügel interpretierte „New York, New York“ und Christmann dachte, ja, das ist es, da gehöre ich hin. Ich ziehe das ganz groß auf. International.

In diesem Moment verschwand die Dame neben ihm und suchte sich ein anderes Opfer. Den freiwerdenden Platz an der Theke nahm im Handumdrehen ein jüngerer Mann von vielleicht dreißig Jahren ein, großgewachsen, schlank und mit einem gewaltigen Kolben von Zigarre im Mund. Er grinste Christmann jungenhaft-frech an. Dieser grinste zurück und sagte:

„Glück gehabt.“

„Nein“, versetzte der Kolbenraucher, „clever gewesen.“

Aha, dachte Christmann, an Selbstbewußtsein fehlt’s dem nicht.

„Ist das eine Cohiba, was sie da rauchen?“ fragte er, weil er keine Lust mehr hatte, weiter vor sich hin zu sinnieren.

„Nein“, bekam er zur Antwort, „Cohibas sind zwar sehr gut, aber die hier ist noch besser, eine Hoyo de Malpartida aus Vuelta Abajo in Kuba, dem besten Tabakanbaugebiet der Welt. Handgerollt auf den nackten Schenkeln junger Mulattinnen.“

Er grinste lüstern.

„Lassen Sie sich von Andrés eine geben. Er hat nicht mehr viele im Humidor. Wenn er sieht, daß Sie bei mir sitzen, wird er Ihnen aber noch eine herausrücken.“

Tatsächlich wurde Christmann vom Barchef Andrés auch mit einem dieser gewaltigen puros versehen. Als Christmanns Gesprächspartner mitbekam, was jener trank, konnte er sich einen leicht verächtlichen Blick nicht verkneifen. Er rief Andrés, verhandelte mit ihm auf spanisch und kurz darauf bekamen sie eine noch fast volle Flasche vor sich auf die Bar gestellt.

„Übrigens, ich bin Tom, Tom Schlickers. Sorry, aber jetzt wollen wir mal was Gescheites trinken. Dieser Whisky ist von einer kleinen schottischen Insel, 25 Jahre alt, in Sherryfässern gereift. Das Besondere daran ist, daß die Lagerschuppen direkt am Meer stehen. Der Salzgeschmack der Seeluft ergibt einen herrlichen blend. Cheers!“

Schlickers war ein unterhaltsamer Plauderer, der offensichtlich mit der schicken Welt, die Christmann gerne betreten wollte, auf Du und Du stand. Sie verstanden sich prächtig. Schlickers erzählte Jet-Set-Anekdoten und Christmann, der nicht viel vertrug und dem bereits der vorangegangene Whisky leicht zu Kopf gestiegen war, öffnete sich und eröffnete Schlickers seine Pläne und Träume.

„Mensch Godo“ – Christmann hatte sich geniert, seine Vornamen Gotthelf Maria zu nennen – „so ein Zufall! Weißt du, was ich die letzten zweieinhalb Jahre gemacht habe? Musikmarketing! Ich hab‘ die Black Diamond Sisters hochgebracht und der Hip Hopper Big Bad Babybody hat seinen Welterfolg praktisch mir zu verdanken. Ich kenne in der Musikszene so gut wie jeden.“

Christmann war überwältigt. Den Hit von Big Bad Babybody kannte er, der eingängige Refrain: „Baby Baby, Body Body“ war wirklich ein Ohrwurm und ein riesiger Erfolg. Da telefoniert man im Büro mit tausend Leuten, dachte er, rennt auf der Messe rum und es tut sich nichts. Kaum geht man mal in eine gescheite Bar einen trinken, fallen einem die Kontakte in den Schoß. Der Tom, das wäre doch der richtige Mann als Geschäftsführer für die Crazy Music GmbH. Leicht benebelt, wie er war, wußte er nicht, ob er Schlickers ein Angebot machen sollte oder ob er sich damit blamierte, weil die Crazy Music noch in den Startlöchern stak. So wankte er erst einmal zur Toilette, wusch sich das Gesicht und sagte seinem Spiegelbild:

„Was der kann, kann ich schon lange. Dem verkaufe ich die Crazy Music als das größte Projekt seit Hannibals Alpenüberquerung mit Elefanten.“

Zurück an der Theke versuchte Christmann, Schlickers die Position schmackhaft zu machen. Er bekam unpassenderweise einen Schluckauf und die lässig-überzeugende Präsentation des Angebots mißlang. Schlickers‘ Augen blitzten. Er antwortete lediglich:

„Du Godo, das muß ich mir gut überlegen. Ich würde dir ja schon gern den Gefallen tun, aber weißt du, ich habe da noch ‘ne andere Sache am Laufen. Ein Mordsding, kann da jetzt nicht näher drüber reden.“

Als er merkte, daß Christmann enttäuscht war und nicht weiter nachfassen würde, fügte er an: „Na ja, andererseits habe ich gerade ein großes Projekt abgeschlossen und könnte die Crazy Music zeitlich reinschieben. Klingt ja auch sehr interessant. Du hast schon recht, aus der Idee kann man etwas machen.“

Christmann atmete tief bis ins Zwerchfell und bekam wieder etwas mehr Farbe ins Gesicht.

Der Ausgang der Geschichte ist vorhersehbar und schnell erzählt. Schlickers verstand weder von Musik noch vom Musikgeschäft etwas, war aber charmant im Umgang mit jedermann; ein hochstapelnder Aufschneider, dem die Sympathien nur so zuflogen. Er ließ sich ein teures Büro einrichten und hatte klare Vorstellungen dahingehend, wie schmuck seine Marketingassistentinnen aussehen mußten. Mit seinen Vorstellungen zur Marketingstrategie konnte er Christmann allerdings nicht überzeugen. Dieser merkte irgendwann einmal, daß Schlickers fast nie in seinem Büro und auch sonst sehr schwer zu erreichen war. Sein Marketingkonzept war völlig unbrauchbar, seine angeblich phänomenalen Kontakte stellten sich als Luftblasen heraus und seine ständigen Abwesenheiten, die zwar durch Spesenabrechnungen dem Grunde nach belegt waren, brachten kein Geschäft. Leider hatte sich Christmann in der Euphorie der ersten Tage und aus Angst, sich einen erstklassigen Akquisiteur und Geschäftsführer durch die Lappen gehen zu lassen, dazu drängen lassen, einen hochdotierten Fünfjahresvertrag mit Schlickers abzuschließen. Dieser hatte Christmann gegen einen anderen, wahrscheinlich nichtexistierenden, Auftraggeber ausgespielt und zeitlich unter Druck gesetzt. Christmann wurde Schlickers erst nach langen, quälenden Rechtstreiten und unter Zahlung einer unglaublichen Abfindung los. Danach waren Musik und Musikrechte kein Thema mehr, die Crazy Music GmbH wurde abgewickelt.

Trotz allem war die Kriegskasse immer noch ordentlich gefüllt. Von einem alten Freund wurde Christmann dann ein Unternehmensberater mit phantastischen Kontakten in Los Angeles empfohlen. Dieser hatte in jungen Jahren als Zuhälter gut verdient, investierte dann in breiterem Umfang in der Rotlichtbranche und beschloß, mit 40 Jahren seriös zu werden. Die Bordellbeteiligungen wurden verkauft und dafür Spielhallen erworben. Das war das eine Standbein. Im übrigen war es ihm tatsächlich gelungen, über seine Halbweltverbindungen Kontakte in die Filmbranche aufzubauen und er kannte auch wirklich einige Leute in Hollywood.

Beim ersten Gespräch mit Christmann beeindruckte er diesen durch mehrfaches beiläufiges Erwähnen seiner hochberühmten „Freunde“ in Malibu, Bel Air, Pacific Palisades und Beverly Hills. Ganz nebenbei wurden auch ein paar Bilder vom Handy vorgezeigt, welche die persönlichen Kontakte mit den wichtigen Persönlichkeiten belegten. So kam man schnell ins Geschäft. Ein Beratervertrag wurde abgeschlossen und schon recht bald stand Christmann in Verhandlungen mit den Golden Valley Universal Studios über ein joint venture. Daß Pralhals, als der kleinere und unbedeutendere Partner in den Verhandlungen Federn lassen mußte, sah Christmann ein. Auf dem Weg nach oben muß man eben manchmal auch Kröten schlucken. Die beiden Dienstreisen nach Kalifornien waren jedenfalls nicht schlecht gewesen, meine Güte, man hatte es richtig krachen lassen.

Aber ach, der Grund des Goldenen Tals war doch nicht so gülden. Das Unternehmen war dermaßen pleite, daß der kalifornische Insolvenzrichter keinen Ansatzpunkt für das bekannte unternehmenserhaltende Chapter Eleven-Verfahren sah. Die Golden Valley Universal Studios Inc. wurden abgewickelt, die hohen Anzahlungen des Pralhals Verlages für das gemeinsame Filmprojekt waren verloren. Die gewaltigen Spesen hatte schon die Gewinn- und Verlustrechnung von Pralhals des vorangegangenen Geschäftsjahres verdauen müssen.

Das Ende vom Lied war, daß all diese aussichtsreichen Investitionen Christmann und weiteren Herren einigen Spaß bereitet, die Aktionäre aber um ihr Geld gebracht hatten. Der Kurs der Ein-Euro-Aktie, der zu Spitzenzeiten 24 Euro betragen hatte, fiel auf 31 Cent. Der größte Teil der durch den Börsengang eingesammelten 80 Millionen Euro war vernichtet. Christmann und seine befreundeten Berater hatten nichts anderes als eine gewaltige Feuersbrunst mit dem Geld, das andere ihnen anvertraut hatten, entfacht. Je nach Phantasie hätte man sich vorstellen können, welch einen Berg das Geld in Fünf-Euro-Scheinen oder in Fünfhundert-Euro-Scheinen ergeben hätte. Angezündet – und eine riesige Lohe hätte alles bald verzehrt. Der Nutzen des Geldes wäre der gleiche gewesen: weg.

Eine Menge Ärger gab es auch auf der gesellschaftsrechtlichen Ebene. Die komplizierten Regularien einer Aktiengesellschaft, zumal einer, die an der Börse notiert ist, machten die Geschäftsabläufe schwieriger und verwickelter. Mehrere Rechtsstreite mit Gesellschaftergruppen banden Ressourcen wie Zeit, Geld und Konzentration auf das Geschäft. Hauptversammlungen mußten mit einem ähnlichen Zeit- und Kostenaufwand vorbereitet und durchgeführt werden, wie dies bei einem Großunternehmen der Fall ist. Hochspezialisierte Berater und Organisatoren forderten exorbitante Honorare und mehrere Abteilungen des Hauses waren monatelang kaum mit etwas anderem beschäftigt. Unruhe herrschte auch bei den Mitarbeitern, denen unklar war, welche Interessen hinter den Aktionärsgruppen standen und was diese mit dem Verlag vorhatten. So wurde der letzte Rest des eingesammelten Geldes vertan.

Irgendwann verloren Aufsichtsrat und Aktionäre die Geduld. Christmann wurde abberufen.

Damit, liebe Leserin, lieber Leser, beginnt die Geschichte des Romans unter dem Arbeitstitel „Der Verlag“. Sobald es hierzu etwas Neues gibt, erfahren Sie dies hier, in meiner Netznische.

Herzlichst

Matthias Alexander Wolf

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