Sie dürfen sich wieder anziehen!

Wer kennt diesen Satz nicht? Es gibt kaum eine Arztpraxis, in der er nicht gang und gäbe ist. Man erinnert sich unwillkürlich an seine früheste Kindheit. Der Onkel Doktor sendet der Mutter einen einvernehmlich-beruhigenden Blick zu, der signalisieren soll, dass alles in Ordnung sei, und sagt, ohne den kleinen Patienten dabei anzusehen, die erlösenden Worte: „So, der kleine Matthias darf sich jetzt wieder anziehen. Kannst du das schon alleine?“

In leicht abgewandelter Form ist mir das auch schon Jahrzehnte später vorgekommen. Zwei Mitarbeiterinnen der Arztpraxis sind im Raum und haben eine Untersuchung durchgeführt. Die Ranghöhere der beiden gibt ihrer Kollegin die vom mithörenden Patienten problemlos zu verstehende Anweisung: „Der Herr Wolf darf sich jetzt wieder anziehen.“

Wie schön! Man muss nicht auf der Liege übernachten. Überhaupt, in Arztpraxen „darf“ man so manches. Man darf zum Beispiel beim Röntgen die Kleider in der Umkleidekabine lassen und muss sie nicht mit sich zum Gerät nehmen. Man darf im Wartezimmer Platz nehmen und muss nicht unbedingt stehen bleiben. Das Mitgliedskärtchen der Krankenkasse darf man auf Anweisung in das Lesegerät stecken und, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, darf man es auch wieder herausnehmen. Ob man es dann auch gleich wieder in seinen Geldbeutel stecken darf, erfährt man nicht. In der Regel tut man es ohne gesonderte Erlaubnis.

Zugegeben: Der Sprachgebrauch vieler Ärzte hat sich etwas gewandelt und der Gebrauch des „Dürfens“ ist bei ihnen zurückgegangen. Bei den Mitarbeitern allerdings wird noch mit Inbrunst „gedürft“. Das „Dürfen“ wird betont und auf der Zunge ausgekostet. Bereits Auszubildenden im ersten Lehrjahr wird Autorität übertragen, indem sie von den Stürmen des Lebens deutlich gegerbten Personen Erlaubnisse erteilen.

Sie meinen, das müsse man nicht ernst nehmen, es sei doch nur gedankenlos dahergesagt? Sicherlich wird sich kaum jemand, der diese Wendungen täglich unzählige Male verwendet, etwas dabei denken. Muss einen dann nicht ein unbehagliches Gefühl beschleichen? Kann sich ein Patient, dem es nicht gut geht und der dabei mit gedankenlosen Floskeln dirigiert wird, wie jemand fühlen, der im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wohlwollender Begleiter auf seinem Weg zur Genesung steht? Ich bin durchaus der Meinung, dass man es mit der heute allenthalben eingeforderten „Wertschätzung“ nicht zu übertreiben braucht und erwarte in einer Arztpraxis auch keine Kuschelatmosphäre.

Aber auch gedankenlose Sprache verrät viel über die Einstellung dessen, der sie verwendet. Sagt der Arzt dem Leberkranken, dass er keinen Alkohol trinken darf, drückt er nur eine medizinische Kenntnis über Körperfunktionen und -reaktionen aus. Dagegen wird der Patient, der das Kärtchen in das Lesegerät stecken darf, wie ein Kleinkind oder eine hilflose Person behandelt.

Ich nehme es weiterhin mit Humor, mache gelegentlich eine spaßige Bemerkung und ernte dann stets einen verständnislosen Blick. Denn das „Dürfen“ ist eine bitterernste Sache.

18. Mai 2024