Herr Schnabeltasse ist niedergeschlagen und ganz schlechter Laune. Die Angst, Schneewittchen nicht mehr wiederzusehen, preßt ihn. Und wieder erinnert er sich des Rats, den ihm der Psychologe gegeben hat: „Gehen Sie raus, nehmen Sie die Dinge in die Hand.“

So bucht er kurzentschlossen für das folgende Wochenende eine viertägige Reise nach Sevilla mit Halbpension und, als Höhepunkt, einer „Flamenco-Show“ mit „echten Gitanos“ wie es in der Werbung heißt.

Am dritten Tag in Sevilla ist er von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit unterwegs gewesen und hat, als er abends ins Hotel zurückkehrt, sehr heftigen Hunger. Heute findet das festliche Diner mit Flamencodarbietung statt. Herr Schnabeltasse nimmt an, ein festliches Abendessen werde einige Zeit in Anspruch nehmen. Wenn die Flamencoschau um zehn Uhr stattfindet, dann wird das Diner wohl um sieben Uhr beginnen. Ordentlich mit seinem neuesten Tweedsakko zurechtgemacht, findet er sich daher pünktlich am Festsaal ein. Dieser ist noch verschlossen. Die Aushilfe am Empfang kann kein Englisch; Herr Schnabeltasse kein Spanisch. Er bricht die Verständigungsversuche ab und denkt sich, es werde wohl, wie in feinerer Gesellschaft üblich, erst um acht Uhr losgehen. Trotz seiner müden Füße begibt er sich noch auf einen kleinen Spaziergang.

Um acht Uhr findet er den Festsaal geöffnet vor. Vier Männer in Overalls bauen gerade ein Podest auf. Ein stämmiger junger Mann mit einer abstehenden krausen Mähne ist mit der Verkabelung einer Musikanlage beschäftigt. Es schüttelt unablässig den Kopf und redet vor sich hin. Ein langer, bleicher, sehr hagerer Mann mit beginnender Halbglatze und öligen, lang in den Nacken zurückgekämmten Haaren, schleppt ächzend Lautsprecher. Tische und Stühle werden auf Rollgestellen herbeigekarrt. Herr Schnabeltasse entdeckt unter den Arbeitern den Kellner vom Frühstück heute morgen, der Englisch spricht und fragt ihn, wann es losgeht. Um zehn Uhr, wie angekündigt, bekommt er zur Antwort.

„Ja aber das Essen, das wird doch vor der Show stattfinden, oder nicht?“

„Ten o’clock dinner; five courses; then show“, bekommt er zur Antwort. Ein Mißverständnis wähnend, fragt er in seinem besten Schulenglisch präzise nach: „At what time does the show begin?“ Der Kellner dreht seine gespreizte Hand nach rechts und links, zieht eine Miene der Ungewißheit und sagt: „About one o‘clock?“

„One o’clock!“, erschrickt Herr Schnabeltasse. Der Kellner bemerkt seine Verstörung und lacht: „¡Hombre! This is Spain!“

Um zehn Uhr gibt es im prächtig hergerichteten Festsaal einen Empfang mit Cava und kleinen Canapés. Herr Schnabeltasse hat Glück und bekommt einen Platz an einem der runden Tische in der ersten Reihe vor der Bühne zugewiesen. Rechts neben ihm sitzt ein spanisches Ehepaar, das ungefähr in seinem Alter ist und auch gut Englisch spricht. Das Essen zieht sich hin. Herr Schnabeltasse verspürt zwischendurch öfter Müdigkeit, die charmante Unterhaltung mit seinen Tischnachbarn, einem Arztehepaar aus Madrid, belebt ihn immer wieder. Kurz vor halb zwei am frühen Morgen werden endlich Kaffee und Cognac gereicht und die Flamencoschau beginnt. Die Musiker legen los, alle drei sind in schwarze Anzüge mit bunten Rüschenhemden gekleidet. Die beiden Gitarristen und ein Mann, der auf einer Holzkiste sitzt und den Rhythmus schlägt, lockern die Stimmung auf.

Dann tritt ein Sänger mit Doppelkinn und einem Dreitagebart, der eher nach Achttagebart aussieht, herzu und hebt mit heiserer Stimme, aber unbestreitbarer Inbrunst, zu singen an. Herr Schnabeltasse weiß nicht so recht, ob ihm das gefällt. Die Gesichter seiner Tischnachbarn zeigen keine Reaktionen. Der nun folgende Auftritt der Tänzerin läßt das Publikum, mehrheitlich Deutsche und Amerikaner, toben, schon bevor sie überhaupt zu tanzen angefangen hat. Im roten Kleid mit großen schwarzen Punkten sechs Reihen Volants und einer Stola sowie wallendem schwarzen Haar betritt sie die Bühne und schaut unnahbar über ihr Publikum hinweg. Einige Männer, beschwingt durch die das Essen begleitenden Weine, geraten fast außer sich. Herr Schnabeltasse dagegen ist befremdet, fast schon bestürzt ob dieser Zumutung. Die grell geschminkte Frau, nicht mehr jung und noch nicht alt, trägt an ihrem großen Mund ein paar Lippen zur Schau, die Herrn Schnabeltasse an etwas zu klein geratene Frankfurter Würstchen erinnern, aber so unnatürlich wirken, daß sie für ihn so gar nichts Schmackhaftes haben. Ihr Busen, fest und steif, und so groß, daß eine Fußballmannschaft aus Playmobilfiguren samt einem eitlen Oberbürgermeister auf dem Balkon Platz finden könnten, wird immer wieder aus der Seitenansicht zur Geltung gebracht, was zu Beifallsstürmen führt. Sie tanzt und stampft, schlenkert ihre Arme, wirbelt ihre Stola herum. Herrn Schnabeltasse lässt dies alles kalt, es ergreift ihn nicht. Dann tritt noch ein Tänzer hinzu, es ist der Hagere mit den langen, öligen Haaren. Er stampft noch heftiger als die Frau, wirbelt seine Spinnenarme wie Windmühlenflügel in der Mancha herum, verharrt ab und zu für kurze Zeit in anzüglichen Posen und guckt so feurig als er nur irgend kann.

„Vámonos“, sagt der Arzt aus Madrid zu Herrn Schnabeltasse. Wir gehen woanders hin. Wir kennen ein sehr gutes Flamenco-Lokal. Diese Vorführung ist furchtbar schlecht. Es ist uns peinlich, Ihnen als Ausländer so etwas zu bieten.“

„Ja, aber es ist doch schon kurz vor zwei. Das andere Lokal wird doch längst geschlossen haben.“

„Seien Sie beruhigt. Im tablao geht es gerade erst richtig los. So wie ich Sie einschätze, wird es Ihnen gefallen.“

Obwohl er ziemlich müde ist, geht Herr Schnabeltasse mit. In gewisser Weise fühlt er sich beleidigt, dass man ihn mit so etwas Schlechtem, Ordinären behelligt.

Im tablao finden Sie mit Mühe und Not noch drei Sitzplätze. Die Vorstellung hat schon begonnen und als erstes hören sie einen Sänger dessen Stimme ebenso heiser wie die des anderen im Hotel ist, deren Ausdruckskraft aber Herrn Schnabeltasse Schauer über den Rücken laufen läßt. Der Schmerz, der zum Ausdruck kommt, erinnert ihn an seinen eigenen Schmerz und an seine Unsicherheit wegen Schneewittchen, dass ihm Tränen in die Augen treten. Beim nächsten Stück tritt neben dem Sänger eine Tänzerin auf, eine Dame, die die sechzig wohl schon überschritten hat, mit streng nach hinten gekämmtem zu einem Knoten gebundenen Haar. Langsame Schritte und Bewegungen wechseln mit furiosen Sequenzen. Stolz und doch unprätentiös trägt sie ihre Kunst vor. Herr Schnabeltasse muß die ganze Zeit an Schneewittchen denken und stellt sich vor, sie könnte das sicher auch. In einer Mischung aus Trost und Trauer schaut er sich ergriffen die Darbietungen an und kehrt mit übervollem Herzen erst um fünf Uhr morgens wieder ins Hotel zurück.